Erntedank

Herbst—Tag und Nachtgleiche (Erntedank)

Die Ernte des Jahres ist eingebracht, die Arbeit des Sommers ist getan. Stille kehrt ein in einer Zeit der Dankbarkeit und der Regeneration. Zum zweiten Mal im Jahr herrscht der besondere Gleichgewichtszustand, bei dem Tag und Nacht gleich lange sind – alles ist ausgewogen. Wir befinden uns wieder an einem Wendepunkt. Ab nun werden die Tage kürzer, die Nächte länger. Die Natur zieht sich nach und nach zurück und bereitet sich auf den Winterschlaf vor.

Es ist die Zeit, in der wir alle reifen Früchte ernten und uns für die Gaben der Natur bedanken – wir feiern Erntedank.

Es ist ein Fest der Fülle, der Farben und der Fröhlichkeit. Musik und Tanz gehören ebenso dazu, wie das Lachen der Kinder und ein wunderschönes Festmahl aus frischen Früchten, Getreide und Nüssen. Auch das Teilen gehört zum Erntedank. Was wir zuviel haben, geben wir anderen, die nicht soviel davon haben. Für uns persönlich ist das Erntedankfest eine gute Gelegenheit um inne zu halten, zur Ruhe zu kommen und um das vergangene Jahr rückblickend zu betrachten. Wir dürfen für alles danken, was uns im vergangenen Jahr geschenkt wurde. Wir danken uns selbst für alles, was wir gearbeitet und geleistet haben. Wir müssen aber auch für den Winter vorsorgen – uns von Belastenden trennen und alle wirklich Notwendigen Bedeutung geben. Es ist die Zeit, die wir zuhause vorm wärmenden Feuer mit einer Tasse Tee verbringen. Es ist die Zeit, in der wir Nachdenken, miteinander Reden, zur Ruhe kommen und ganz in unser Inneres schauen.

Bevor sich die Natur vollständig zurückzieht, zeigt sie sich noch einmal in ganz besondere Fülle und Pracht. Viele Feldfrüchte gelangen jetzt zur Reife und wir dürfen uns über frische Kartoffel, Kürbisse, Karotten und Rüben freuen. Auch das Obst wird reif und wir können Äpfel, Zwetschgen, Birnen, und zuletzt den Wein ernten. Brombeeren und Holunderbeeren versorgen uns mit den wichtigsten Vitaminen, die unser Immunsystem für den Winter stärken. Haselnüsse und Walnüsse sind bereit, unserem Körper mit den notwendigen Fettsäuren zu stärken. Es ist aber nicht nur die Zeit des Erntens, sondern auch die Zeit des Verarbeitens, Einkochens und Einlagerns. Wir müssen die Vorräte für den Winter anlegen, damit dieser auch gut überstanden werden kann. Die Früchte werden eingekocht, das Gemüse wird eingelagert. Die gesammelten Heilkräuter werden zu Tees und zu Elixieren verarbeitet, die im Winter als wichtige Heilmittel dienen.

Am Ende des Septembers zieht sich die Natur mehr und mehr zurück. Die Blätter beginnen sich zu verfärben, die meisten Pflanzen haben Samen ausgebildet, damit sie den Winter, in dem sie scheinbar absterben, auch überleben. Viele Tiere fressen sich noch einmal voll, legen wichtige Wintervorräte an, oder verabschieden sich in wärmere Erdzonen, um den Winter zu überdauern. Häufig liegt in der Früh ein Nebel über dem Land, es ist kühl und feucht. Es ist die Zeit des Altweibersommers, in dem sich die Fäden der Spinnen durch das Land ziehen. Die alles verbrennende Kraft der Augustsonne ist kaum mehr spürbar. Es ist vielmehr ein goldenes, leicht wärmendes Licht, das uns stärkt. Alles deutet darauf hin, daß uns eine sehr schwere Zeit bevorsteht, die es zu überdauern gilt. Und dennoch zeigt uns der Kreislauf des Jahres, daß es immer wieder weitergeht, daß es kein Leben ohne den Tod gibt und daß alles immer wiederkehrend ist. Wir müssen allerdings lernen, mit den Zeiten zu leben und sie auch wieder verstärkt zu achten.

Der Göttin wurden die besten Früchte und Nüsse geopfert, damit sie auch im kommenden Jahr für eine gute Ernte sorgen würde. Der einst jugendliche Vegetationsgott zieht sich in die Anderswelt zurück.

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