Der „letzte Mensch“

Nietzsche beschrebt in „Zarathustras Vorrede“ (1883) seine bedrohliche Vision vom Menschen der Zukunft.

Zarathustra: „Was ist Liebe? Was ist Schöpfung? Was ist Sehnsucht? Was ist Stern? – So fragt der letzte Mensch und blinzelt.“

Weniger bekannt ist eine Zukunftsvision, die Wilhelm Busch in „Eduards Traum“ (1890) eingeflochten hat: „Das Lachen hatte aufgehört. Zwar hatte man Lachklubs und Lachkränzchen… . Es ist ein heiseres, hölzernes, heuchlerisches Lachen. … Sie hatten gemütliche Parkanlagen; aber an jedem Baume hing wer.“

Auch Alfred Kubin hat in seinem einzigen Roman „Die andere Seite“ (1909) eine Katastrophenvision vorgestellt. Darin versinkt ein magisch gelenktes Traumland durch das Gelddiktat des eingedrungenen Herkules Bell, Milliardär und Pökelfleischkönig aus Philadelphia, in Sittenlosigkeit und tödlichem Chaos.

Dichter fühlen verborgene geistige Ausstrahlungen. Zweifellos haben mehr als nur die drei genannten „Seher“ den Verwesungsgeruch der Moderne schon in einer Epoche wahrgenommen, die uns Heutigen in der Rückschau noch vergleichsweise gesund erscheint. Ihre Warnung war in den Wind gesprochen; der Sog des Wesenlosen konnte sich offenbar durchsetzen. Der Kunstbetrieb unserer Tage ist dafür ein Beweis.

Zum Jahresanfang 1999 blickt Botho Strauß auf „Das letzte Jahrhundert des Menschen“ zurück (Titel seines Beitrags in der FAZ vom 2.1.99). Als Zukunftsbild sieht er das globale Netzwerk der Menschenhändler, in das jeder Erdenbewohner eingebunden ist, gleichgemacht und genormt in Anspruch und Ausstattung. – Seine Vision kann als die Vollendung der Moderne gedeutet werden. Geklont oder nicht, der Einzelmensch wäre dann zum Teilchen der Globalmaschine geworden, die im Dienste Auserwählter steht. Planziel ist die jedenorts integrierbare, jeansbehoste Mischrasse, ohne Wesen und Gesicht, unter der Dauerflut von belanglosen Informationen, aufreizenden Bildern und ständiger zerstampfender Musik. Die Werbung gibt den Getriebenen die Begehrlichkeiten vor, denen sie nachhasten, die sie vom Beobachten und Denken abhalten sollen. Zur Betäubung in der Leere haben sie das tägliche Gift. Undefinierbare Mischrasse ein Planziel? Ist das Wort nicht zu gewagt? Wie ist dann die Meldung der FAZ vom 27.1.99 zu werten, wonach die Bürgermeisterin von Vitrolles/Südfrankreich wegen Rassendiskriminierung vor Gericht erscheinen muß, weil sie eine Geburtenprämie für weiße Kinder einführen wollte?

Den Visionen ist der verwestlichte Mensch wirklich schon sehr nahegekommen! Und dies ohne Wendeplatte für die Umkehr? Wer könnte beweisen, daß das vorgegebene Ziel der menschlichen Evolution so aussehen wird? Wird auch der Islam versinken, der dabei ist, in den westlichen Sumpf einzudringen? Wird auch China vom Westen angefressen und ausgehöhlt werden wie Afrika? Hat Japan noch ausreichend Halt an seinen Ahnen? Die Antwort weiß niemand; der Sinnende sagt trotzdem nein!

Kürzlich hat ein anderer Dichter gesprochen! Die Warnung von Botho Strauß ergänzt er durch eine Hoffnung. Mit unscheinbaren Worten hat Martin Walser in seiner Buchpreisrede am 11. Oktober 1998 eine Wende im allgemeinen Bewußtsein beschworen. Wer die Bedeutung seiner Sätze nicht sogleich ermessen konnte, dem wurde sie aus dem Proteststurm gewiß, der Walser traf. Zugleich aber ließ die tausendfache dankbare Zustimmung der Deutschen spüren, daß – noch verborgen – ein frischer Acker für neue wesenhafte Geistigkeit bereitliegt.

Noch gibt es etliche Deutsche, die hinter die Fassade schauen, auf ihr Gespür horchen und sich dann dafür entscheiden, aufrecht stehen zu bleiben. Nicht, daß sie sich der Meinungsmaschine in den Weg stellen würden. Sie lassen das Getümmel und Gewusel an sich vorbeiziehen und bewahren ihr Selbst für später. Sie halten an der Art fest in steter Übung und Erziehung ihrer Person. Die Kraft dazu müssen sie sich aus der mythischen Bindung an ihr Volk holen. Der täglichen verführerischen Fülle an hochintelligenten Banalitäten, an Bildern und Dauermusik verschließen sie ihre Sinne. Sie lassen sich nicht schon am Morgen von Presse und Radio den Schmutz in die Seele schütten! Überhaupt lassen sie die Information nicht zum Selbstzweck werden und sich die vorgegaukelte Scheinwirklichkeit nicht aufdrängen. Sie suchen vor allem zu verhindern, daß amerikanisches Disney-Schmalz, Rock-Musik und Comics die ererbten Anlagen ihrer Kinder verschmieren, zermalmen oder verschütten.

Substanz zu bewahren, ist jetzt viel wichtiger als lautes Tönen. Im amerikanischen Jahrhundert ist die ideelle Substanz beängstigend geschwunden; die Reste sind auf kleinste Kreise konzentriert; auf ihnen ruhen die Verantwortung für das Erbe und die Hoffnung auf eine Zukunft. Es ist zur Pflicht geworden, nicht länger auf die anschwellenden Mißstände zu starren, sondern das Gute und Dauerhafte in unserem Wesen und Erbe zu erfahren und in deren Anschauung gelassen abzuwarten. Die Zeit der geistigen Tat nach außen kommt erst noch. Immerhin aber sind schon Zeichen zu setzen nach dem Vorbild von Martin Walser!

Der „letzte Mensch“ des Nietzschewortes ist keinesfalls der unausweichliche Schlußpunkt der Idee „Mensch“. Der Persönlichkeitsverfall äußert sich im Lebensüberdruß und im Unwillen zur Fortpflanzung. Der „letzte Mensch“ stirbt einfach von selbst aus. Es bleiben die von der ewigen Sehnsucht Erfüllten, denen das Leben Spiegelung der Götter und Bereitschaft zum Opfer bedeutet.

M. 28.1.99

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