Die Identität Europas

Über einen wegweisenden Gedanken von Erwin Guido Kolbenheyer (1878 – 1962)

Wenn ich auf meine Kinder schaue, kann ich mich nicht genug über ihre Verschiedenartigkeit in Temperament und Interessen wundern. Trotzdem ist die Familienähnlichkeit unverkennbar. Auch schätzen sie sich, helfen einander und jeder freut sich über die Wesensart seiner Geschwister. Sie ergeben zusammen mit den wiederum andersgearteten Eltern das Bild einer ganz bestimmten Familie.

Dieses persönliche Erleben erleichtert den Zugang zu einem in etwas schwieriger Sprache niedergelegten Gedanken von Erwin Guido Kolbenheyer 1).

Bald nach dem ersten Weltkrieg (1922) hat Kolbenheyer einen Königsweg für den friedlichen Ausgleich in Europa und für dessen Selbstbehauptung gewiesen. Seine Überlegung wächst aus naturverbundener, biologischer Weltsicht und ist im Kern völkisch, wie das ganze Gedankengebäude Kolbenheyers. Deshalb wurde sein Name aus dem öffentlichen Gedächtnis gelöscht.

Zum Schaden Europas hat man ihm schon damals nicht zugehört als er die Versäumnisse nannte, die den ersten Weltkrieg ermöglicht hatten. Aber 1922 wäre es noch nicht zu spät gewesen, um die europäische Selbstzerstörung und die materialistische Wahnidee der Völkervermischung in Europa noch abzuwehren. Doch die Völker Europas ließen sich in den zweiten Durchgang treiben und sind nun so geschwächt, daß sie kaum noch Hoffnung auf die Wiedergewinnung ihrer Identität haben können.

Überindividuelle Individuation

Mit den Begriffen Kolbenheyers ausgedrückt, bilden Einzelpersönlichkeiten, also wesensverschiedene Individuen die überindividuelle Einheit der Familie. Die Familie zeigt selbst wiederum ein bestimmtes Charakterbild.

Diese Erkenntnis fortgedacht und hochgeführt, erklärt die Eigenwüchsigkeit von Sippen und Volksstämmen bis hinauf zu den Völkern. Man erkennt eine Kette von überindividuellen, naturgegebenen, lebendigen Organisationseinheiten der Menschenart. Durch alle Vielfalt der Einzelpersönlichkeiten hindurch wirkt ein geschichtlich gewachsenes, gemeinsames und verbindendes Blut- oder Seelenerbe, das die Völker zu überindividuellen Volkspersönlichkeiten werden läßt.

Die bahnbrechende Erkenntnis Kolbenheyers war, daß die Völker Europas noch auf dem Weg zu einer übervölkischen, also europäischen Identität gewesen seien, als sie sich vor dem ersten Weltkrieg tief auf die niedrigen Stufen des völkischen Egoismus hinabstoßen ließen. Kolbenheyer läßt keinen Zweifel daran, daß dieser Niedergang von einem manischen Deutschenhaß gelenkt war.

Sein Aufruf hatte das Ziel oder die Hoffnung, daß endlich ein Tieferdringen des naturgemäßen Denkens und Handelns in allen europäischen Völkern einsetzen sollte. Dann wäre es möglich gewesen, daß sich der abgebrochene Prozeß der übervölkischen Individuation, hin zu einem gesamteuropäischen Bewußtsein, doch wieder fortsetzt.

Ohne Zweifel hätte ein lebendiges gesamteuropäisches Bewußtsein das politische Handeln in einem anderen Sinn bestimmt als dieses dann wieder ablaufen konnte. Es wäre dann nicht so leicht dazu gekommen, daß außereuropäische Mächte und Interessen die europäische Politik bestimmen und zwar so, daß in einem zweiten Weltkrieg wiederum die Mitte Europas an seiner Volkssubstanz geschwächt und um ihr kulturelles Erbe gebracht werden konnte.

Die fremdvölkische Untermischung Europas

Das ist aber noch nicht alles. Ein gesamteuropäisches Bewußtsein hätte eine europäische Schicksalsgemeinschaft geformt, der die Gefährdung des Fortbestands der weißen Rasse klar geworden wäre. Ein Denken in Völkern hätte eine Politik hervorgebracht, die auf einen redlichen Handelsaustausch mit den anderen Erdteilen abgestimmt ist. Diese Politik hätte einen Abschluß des Kolonialwesens in einer Weise gefunden, die das Einströmen fremder Völkerteile nach Europa verhindert hätte. Dies wäre in dem Bewußtsein der Verantwortung für die kulturelle und politische Selbstbestimmung der ehemaligen Kolonialvölker geschehen.

Tatsächlich ist Europa nicht an einem naturverbundenen Denken gereift sondern in den Netzen der westlichen materialistischen Ideologien hängen geblieben. Deshalb befindet es sich heute, von scheinhumanitären, egalitären und anderen naturwidrigen Ideologien, vor allem aber von der Gewinnsucht getrieben, in einer maßlosen Unordnung, ja am Rande des Abgrunds.

Die Sicht auf das schicksalhaft Wesentliche erscheint für die hohe Politik in den europäischen Hauptstädten nicht bloß stark getrübt oder durch Scheuklappen behindert, sondern wie durch Betonplatten versperrt – oder die handelnden Politiker liegen in den Fesseln des völkerzerstörenden Kapitals.

Völker Europas, erkennt endlich eure Feinde!

A.M. 5.6.2006

  1. G.Kolbenheyer: „Über das Verhältnis der völkischen Individuation zu dem System des Weltverkehrs“, Bd.VII, Abt.2 des Gesamtwerkes, Hrsg. Kolbenheyer-Ges., 82538 Geretsried