Esau-Segen

1. Mose, 27

In der Bibel und in der christlichen Lehre gibt es viel Unverständliches und Fragwürdiges, über das man –vielleicht aus Respekt vor dem Glauben– gar nicht nachdenkt. Eine dieser Fragwürdigkeiten aber hat im Kreise einiger Christen und Nichtchristen besondere Bedeutung erhalten. Es ist die Erzählung in der Bibel, 1. Mose, 27, in welcher Isaak seinen Söhnen Esau und Jakob den väterlichen Segen erteilt.

Aufmerksamkeit hat ausgerechnet diese Bibelerzählung erst durch Frau Mathilde Ludendorff erlangt, die vor vielen Jahren über ein Gespräch berichtete, das ein amerikanischer Verhöroffizier jüdischen Glaubens mit ihr geführt hatte. Während des Gespräches habe sie ihn auf eben diese Bibelerzählung vom Segen Isaaks an Esau/Jakob hingewiesen. Das könnte man als bloßen Vorhalt innerhalb des Gespräches werten, sie würden sogar ihren Gott betrügen, — vergleichbar einem Florettstich. In der Folge aber wird das Thema „Esau–Segen“ in gewisser Literatur immer wieder aufgegriffen, der an Esau begangene Betrug beklagt und der „Esau–Segen“ für unser Volk erfleht.

Zum Verständnis:

Isaak, in die Jahre gekommen und inzwischen erblindet, fühlt das Ende seiner Tage gekommen und möchte seinem erstgeborenen Sohn Esau den väterlichen Segen erteilen. Die Erstgeburt und der Erstgeborene haben im jüdischen Glauben und Selbstverstehen eine herausragende Bedeutung. Auch Papst Benedikt XVI. weist in seinem Buch „Jesus von Nazareth“ auf diese Bedeutung hin.

Isaak ruft Esau zu sich, er möge ihm aus diesem Anlaß zuvor ein Mahl bereiten und dafür ein Wild erlegen. Das Gespräch zwischen Vater und Sohn belauscht seine Ehefrau Rebekka. Diese aber liebt ihren zweitgeborenen Sohn Jakob besonders und möchte den väterlichen Erstgeburts-Segen nicht Esau, sondern Jakob zukommen lassen. Gemeinsam mit ihrem Sohn Jakob täuscht sie den erblindeten Isaak, so daß dieser –im Glauben Esau vor sich zu haben– Jakob jenen Segen erteilt, der nach jüdischem Glauben nur dem Erstgeborenen zusteht. Diesen erteilt Isaak nun Jakob unter anderem mit den Worten:

„Gott gebe dir vom Tau des Himmels und Fettigkeit der Erde und Korn und Wein die Fülle. Völker müssen dir dienen, und Leute müssen dir zu Fuße fallen. Sei ein Herr über deine Brüder, und deiner Mutter Kinder müssen dir zu Fuße fallen. Verflucht sei, wer dir flucht; gesegnet sei, wer dich segnet. ….“ (1. Mose, 27, Vers 28, 29 ff)

Bei der Rückkehr Esaus fliegt der Betrug auf. Der Erstgeburts–Segen ist bereits vergeben und kann nicht zurückgenommen werden. Isaak bleibt nur, seinem Sohn Esau einen weiteren zu erteilen, einen weiteren, der sich aber nur aus dem ersterteilten ergeben kann. In dem „Zweit–Segen“ erklärt Isaak seinem Erstgeborenen nun, er müsse seinen Bruder als Herrn über sich anerkennen und ihm dienen und werde alles, was er im Leben erreichen wolle, sich schwer erarbeiten und erkämpfen müssen. Es sei ihm aber gewährt, den Mühlstein abzulegen, der ihm mit dem Jakob zugesprochenen Segen an den Hals gehängt wurde. (Etwas frei wiedergegeben)

Hierzu ist anzumerken:

Im Selbstverstehen des „Gottesvolkes“ sind Jahwe und sein Volk völlig eins und identisch. „Gott“ Jahwe selber hat sich hier auf Erden in seinem Volke körperliche Gestalt gegeben, ist in diesem inkarniert.
Wie Jahwe die Welt als absoluter Herrscher regiert, so sind alle Funktionsträger innerhalb des Volkes absolute Herren in ihrem Zuständigkeitsbereich und verstehen sich nicht als Vertreter ihres Herrn, sondern als Jahwe selber, der durch sie wirkt. Das heißt, durch sie wirkt Jahwe selbst als Chef der Regierung in weltlichen Bereichen oder irgendeiner Verwaltung, als Rabbiner in seiner Gemeinde und nicht zuletzt als Ehemann und Vater innerhalb der Familie. In jedem dieser Wirkungsbereiche ist es Jahwe selber, der in seiner ganzen Herr-lichkeit und Vollkommenheit tätig wird.

So ist es denn nicht Isaak, der seinen Söhnen den Segen erteilt, sondern Jahwe selber.

Esau, der Erstgeborene, wird im jüdischen Selbstverstehen zudem mit den nichtjüdischen Völkern gleichgesetzt, Jakob, der Zweitgeborene, mit dem jüdischen Volke.

Welche Bedeutung hat die Erteilung des Segens?

Ein Beispiel:

In früherer Zeit wurde der Segen in der Regel bei entscheidenden „Wegemarken“ im Leben junger Menschen erteilt, so etwa bei der Eheschließung oder Übergabe des elterlichen Bauernhofes oder Handwerksbetriebes. Die Segenserteilung z. B aus Anlaß der Übergabe des Betriebes setzte voraus, daß der Vater vollstes Vertrauen in den Sohn setzt, darauf daß er ihn ganz in seinem Sinne in die Zukunft führen wird. So beinhaltet die Erteilung des Segens denn auch, daß der Vater alle Entscheidungen, die der Sohn in Fortführung des Betriebes trifft, mit seiner ganzen Geistes- und Seelenkraft innerlich bejaht und mitträgt, – so als würde er sie selber treffen. Anders ausgedrückt, in allen Unternehmungen des Sohnes lebt der Vater selber mit seiner ganzen Geistes- und Seelenkraft und gestaltet und wirkt in diesen ebenfalls mit.

Darin liegt der einzige Sinn und wirklichkeitsgetreue Bedeutungsinhalt der Segenserteilung, und sie umweht sogar ein Hauch des Heiligen. Deshalb begehen wir sie gerne mit Festlichkeit.

Jetzt übertrage man diesen ganz konkreten Sachverhalt auf Jahwe.

Christen, – deutsche, dem Volke verbundene Christen – beklagen diesen an Esau begangenen Betrug; denn er hätte doch diesem, also den nichtjüdischen Völkern, zukommen müssen.

Hier ist etwas aufgekommen, das nur Kopfschütteln hervorrufen kann! Dieser „Esau–Segen“ –wenn er denn auf Esau (die nichtjüdischen Völker, so auch auf unser deutsches) gekommen wäre– ist von jenem Geist getragen und jenem Bedeutungsinhalt unterlegt, der in den Worten Isaaks ausgedrückt ist (1. Mose, 27, Vers 28, 29). Er beinhaltet die „Sonderstellung“, vom „Tau des Himmels und der Fettigkeit der Erde“, sowie von der Arbeits- und Schaffenskraft anderer Völker leben zu dürfen (oder zu müssen).

Himmel! Können wir es wirklich wollen, ein so verwerfliches Jakob–Dasein zu führen? Liegt dies im Wesen, in der Geistes- und Seelenart unseres Volkes? Es bedarf keines Blickes in unsere Geschichte, um zu begreifen, daß unserem Volke, dem völlig entgegenstehend, –noch bei aller ihm aufgeladener Last– eine besondere Schaffensfreude und -kraft innewohnt. Kein Volk dieser Erde hat so viel Durchgeistigendes und Beseelendes in die Welt gegeben wie unser deutsches. In unserem Wirken, und sei es die „simple“ Konstruktion eines Wagenrades, geben wir immer auch etwas von uns selber mit hinein. Wir betrachten das von uns Geschaffene als Teil von uns. Auch unsere Kulturschaffenden leben in ihren Werken fort. In den Werken Beethovens erkennen wir ihn allein.

Fällt es uns an? Einst wußten die Völker das Göttliche in der Natur, in allem Dasein leben und weben. Auch unseren Großen war dies selbstverständlich. So ist diese unsere Wesensart ebenfalls ein Merkmal des wahrhaft Göttlichen, – weit entfernt von Jahwe.

Wenn wir in heutiger Zeit von diesem Wesenszug fast nichts mehr spüren, dann deshalb, weil wir als Volk dem Fremdgeistigen bis in die letzten Fasern unserer Seele hinein ausgeliefert sind.

Im Evangelischen galt (oder gilt noch) der wirtschaftliche Erfolg als Segensgabe Jahwes. Da leben die Gläubigen in der Vorstellung, ein Teil des Jakob–Segens Jahwes sei auf die Erfolgreichen gekommen. Wir sehen, wie sehr dieser Geist die Gläubigen in Besitz genommen hat.

Das dem „nachgehungerten“ Esau–Segen Anhaftende „Wie darf man es nennen?“ steht unserem Wesen völlig entgegen. Selbst wenn dieser „Esau –Segen“ uns als goldene und mit Diamanten besetzte Krone aufs Haupt gesetzt werden sollte, wir würden sie ablehnen müssen und könnten sie nicht weit genug von uns werfen.
Ihm haftet der Fluch an, andere Völker erniedrigen und herabsetzen, ja, sie zerstören zu müssen. Noch wenn wir sagen wollten: Wir danken Gott, daß dieser Fluch an uns vorübergegangen und nicht auf uns gekommen ist, würden wir eine nicht gegebene Nähe zum Geist Jahwes ausdrücken.

Wie im „Esau/Jakob-Segen“ vorgegeben, so sind die nichtjüdischen Völker (Esau) wirklich zu Dienern und Knechten des Jakob, (des „Gottesvolkes“) geworden. Mit der Annahme des Christentums haben sie sich in diese Knechtschaft begeben und den Geist Jahwes in die Welt getragen. Von diesem Geist verleitet, haben sie über Jahrhunderte hinweg die Völker immer wieder mit Kriegen überzogen und ihnen Leid und Unheil gebracht, das unser Verstand nicht fassen mag.

Hier nur ein Beispiel:

Der Deutschlandbesuch des Papstes im Herbst 2011 wurde in den Medien von vielen Kommentaren und Berichtssendungen begleitet. In einer Sendung (3 Sat.) am 18.09., mit dem Titel: „Der deutsche Papst“, wurde von seiner Reise nach Südamerika berichtet, die er im Jahre 2007 unternommen hatte. In einer seiner Reden habe er unter anderem erklärt, die Bevölkerung dieser Länder habe „die christliche Missionierung vor 500 Jahren im Grunde ihres Herzens herbeigesehnt.“ Der diese Sendung begleitende Sprecher erinnerte daran, daß diese Missionierung 70 Millionen Tote (wörtliche Wiedergabe), Ermordete also, gefordert habe. Und das allein in diesen Ländern! Meines Wissens ist dieser Angabe von keiner Stimme widersprochen worden.
Wenn wir diese Zahl hören, fällt uns doch etwas ein. Und wir sind stolz darauf, Christen zu sein, wollen aber keine Deutschen mehr sein. Was also ist der Mensch, daß er zum Spielobjekt jener wurde, die seit Jahrzehnten seinen Geist und seine Seele manipulieren!

Alles Fragen, was die missionierenden Christen verleitet und angetrieben hat, an den Völkern so schuldig zu werden, ist müßig. Sie sind gleichzeitig schuldig geworden gegen sich selber und gegen das wahrhaft Göttliche in der Welt. Unser Verstand kann es nicht fassen. Doch sie müssen im Jahwegeist gefangen und von diesem getrieben worden sein.

Die heutige Welt ist die Welt Jahwes. Sie ist Bild des Jahwegeistes, der sich in ungezählten Kriegen, Revolutionen und Umstürzen bis zum heutigen Tage verwirklicht hat und noch immer keine Ruhe gibt.

Können Menschen, die den „Esau-Segen“ herbeisehnen, wirklich wollen, daß nicht das „Gottesvolk“, sondern das unsere im „Esau-/Jahwesegen“ die treibende Kraft zu diesem Geschehen hätte sein müssen? Wer hier einwenden mag, der Weltenlauf wäre anders gegangen, vergißt die Worte Isaaks/Jahwes und die Bedeutung dieses Segens.

Wer den Segen Jahwes für sich und unser Volk erfleht oder herbeisehnt, möchte nicht weniger erreichen, als daß in all unserem Denken, Wollen und Handeln der Geist Jahwes leben und wirken soll. Es bedeutet, er möchte sich die Geistes- und Seelenart des Jahwevolkes ganz zueignen, sie verinnerlichen und in dieser aufgehen.

Deshalb dürfen wir schließen: Wer den Esau–Segen für unser Volk erfleht, der hat ihn bereits erhalten. In dessen Innern muß der Jahwegeist sich bereits „eingerichtet haben“ und wirken –– mit voller Kraft. Der Geist Jahwes muß vom ihm bereits Besitz ergriffen haben. Wer das verneint, frage sich, ob ein Inder, Chinese oder Japaner je auf die Idee kommen könnte, für sein Volk den Segen Jahwes zu erflehen.

Oft wird entgegengehalten, es sei ja nicht der Erst-, sondern der Zweitsegen, der herbeigesehnt würde. Wer sollte diesen Segen denn erteilen? Da ist kein Unterschied. Auch dieses „Herbeisehnen“ entspricht ganz dem Geist Jahwes. Weil und wenn dieser es zuläßt, glaubt man, die Knechtschaft gegenüber Jakob endlich ablegen zu dürfen! Das soll es sein? Das ganze Denken befindet sich im Fließgewässer der jüdischen Mythe. Sie sollte Angelegenheit allein dieses Volkes sein. Was bringt uns als Christen und Nichtchristen dazu, aus den jüdischen Legenden unser eigenes Volksschicksal zu deuten? Sie gehören uns nicht, und sie berühren uns nicht!

(Günther Gabke)

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