Ethik und Gottesbegriff

Was hat die Ethik mit dem Gottesbegriff zu tun?

Voraus ein Blick auf die Begriffe. Das Wort „Ethik“ leitet sich von „Ethos“ her. „Ethos“ steht für innere Haltung, für Grundsätze der Lebensgestaltung und für die geistige Handlungsgrundlage. „Ethik“ bedeutet die Sittenlehre, die aus der geistigen Grundhaltung, dem Ethos, herausgewachsen ist.

Es ist nicht nötig darauf hinzuweisen, daß das Ethos und folglich auch die Ethik, das Sittengesetz oder die Sittenordnung einen rassischen, also einen biologischen und auch einen vom Lebensraum geprägten Hintergrund haben. Deshalb ist es selbstverständlich, daß es kein weltweit gültiges Ethos des Volkslebens geben kann, also auch keine universell gültige Sittenordnung.

Über das Wesen des Ethos

Die enge Verbindung von Ethik und Theologie ist uns durch die christliche Lehre von der „Erbsünde“, von  Sünde, Buße und Erlösung bekannt. Dort gilt die Vorstellung eines persönlichen Gottes, den seine „irdischen Vertreter“ wie einen Sündenbuchhalter darstellen. Für eine höhere Vorstellung des Göttlichen muß kein Zusammenhang mit unserem Sittenkodex bestehen, zumal dann, wenn Schuld und Sühne nicht in den Mittelpunkt der religiösen Haltung oder der Lehre gestellt werden wie dies im Christentum geschieht. Tatsächlich aber läßt sich in der Naturgeschichte eine Bindung der Ethik an das Göttliche beobachten.

Irenäus Eibl-Eibesfeldt hat einmal darauf hingewiesen, daß das Auftreten der Brutpflege im Zuge der Evolution einen entscheidenden Sprung voran zu höheren Lebensformen bedeutet. Das erlaubt die Deutung, daß die Natur selbst das geistige Prinzip des Ethos in das Leben eingebracht hat. Tiefer gedacht, erweist sich darin die Große Einheit der Natur; denn das Göttliche erscheint von da an auf unserem Globus nicht mehr nur als die alles erfüllende Lebenskraft und als biologisch oder physisch gestaltendes Formgesetz allein, sondern zusätzlich erkennbar auch als geistig prägende Kraft und auch als Antrieb der Evolution. Das leitet auf  einen Gottesbegriff hin, für den es keinen persönlichen Schöpfergott gibt, für den sich vielmehr das Göttliche im Naturgeschehen ausdrückt und sich darin verwirklicht. –

Doch wieder zurück zum Thema!

In der Brutpflege der Tiere tritt eine Lebensäußerung auf, die über das rein animalische Eigeninteresse des Tierindividuums hinaus die Sorge um den Nachwuchs als Urform eines ethischen Verhaltens zeigt. Man kennt die vielfältigen Formen der Brutpflege im Tierreich. Man beobachtet auch die Verteidigung der Brut und die Opferbereitschaft mancher Tiereltern. Die Evolution brachte demnach ein Ethos in Form eines Instinkts hervor und entwickelte es im Menschen weiter zu einem Teil des Bewußtseins, ohne dabei instinktive Elemente ganz zu unterdrücken. Wenn nicht schon bei gesellig lebenden Tierarten, so jedenfalls im menschlichen Dasein müssen wir zwischen dem Ethos des Einzelnen und dem der Gruppe unterscheiden. Wie wir wissen, formen sich Sittenordnungen der Rassen und Völker als eine der Voraussetzungen für ihr Überleben. Das gilt auch für das Einzelwesen, und zwar in dessen Wechselbeziehung zur Gruppe. Sinn und Zweck ist das Wohl der Sippe, des Stammes, des Volkes, des Staates. Dabei fließen Instinkt und bewußtes Handeln ineinander. Das Ethos kann sich bis zu heroischen Haltungen steigern, das heißt, bis zum bewußten Beharren auf einer Geistes- und Lebenshaltung selbst in Lebenslagen, für die das Gefühl und der nüchterne Verstand ein Zurückweichen bzw. Resignation empfehlen.

Das religiöse Element im Ethos

Aus lebensreligiöser Sicht ist das Sittengesetz ein Lebensgesetz, ein Teil der natürlichen Lebensordnung, aber keine Anweisung, die ein persönlicher Gott nachträglich, etwa am Berg Sinai, ausgegeben hat. Es erwächst aus dem Selbsterhaltungstrieb der Gemeinschaft. Es hat jedenfalls keinen Bezug zur christlichen Theologie sondern zum Leben. Wir wissen, daß unsere Vorfahren ihren kulturellen und sittlichen Hochstand über die Jahrtausende hin aus eigenem Antrieb entfaltet und ohne Kenntnis der 10 Gebote vom Sinai erreicht haben.

Ich empfinde es als eine Tragik, daß der wesensfremde Gottesbegriff, verkoppelt mit der Sündenlehre, sich in unserem Volk so stark verwurzeln konnte. Die Folgen sehen wir in der christlichen Scheinmoral. Denn mit der christlichen Moral oder Sittenlehre ist die Heuchelei zu einer geradezu selbstverständlichen Erscheinung unseres Volkslebens geworden. Ich nenne ein banales Beispiel für den verbreiteten primitiven Gottesbegriff, verknüpft mit Heuchelei. Ich meine die Scherzbezeichnung für die schwäbischen Maultaschen, die im Volksmund auch „Herrgottbscheißerle“ genannt werden, weil sie – äußerlich als Nudelgericht erscheinend – in katholischen Gegenden auch am fleischlosen Freitag verzehrt werden dürfen; denn „der Herrgott“ sieht ja  die Fleischfüllung nicht. Das ist ein kleines, aber sprechendes Beispiel für die Verbildung unserer Landsleute, die sich hier arglos aber doch kennzeichnend in einem beschämenden Gottesbegriff äußert. Wir beobachten heute aber die ernstlichen Folgen, nämlich eine wachsende Disziplinlosigkeit unter dem Zerfall der christlichen Scheinmoral. Denn es ist ein Hohlraum entstanden, in dem die Desorientierung gedeiht.

In dieser geistigen Leere verbleiben dennoch die alten christlichen Schablonen, die eine Erneuerung des allgemeinen Bewußtseins im Sinn einer inneren Wahrhaftigkeit und ernsthaften Verantwortung erschweren. So erscheint es vor allem fast aussichtslos, die Grundvorstellung des Göttlichen von dem geläufigen Bild eines persönlich regierenden Gottes zu reinigen. „Wie konnte unser Herrgott das zulassen!“  Das ist ein Vorwurf, der z.B. nach Naturkatastrophen an diesen Gott gerichtet wird. Generationen von Theologen und Philosophen haben sich mit der „Rechtfertigung“ Gottes für ein Unglück abgerackert, das er vermeintlich aus einer Laune über Unschuldige kommen ließ. Gleiches gilt für Erfolge die Lumpen vergönnt sind, einem redlichen Mann aber verwehrt. Leibnitz hat für dieses Phänomen das Wort „Theodizee“ eingeführt. Die Theologen haben sich aus dem Dilemma herausgeklügelt und den Gläubigen Demut empfohlen angesichts der unbegreiflichen Ratschlüsse des lieben Gottes: Dieser würde nämlich schon wissen, warum etwas geschieht oder geschah. Der Zwiespalt wäre aber gelöst, sobald an die Stelle des persönlichen Weltenlenkers in unserer Vorstellung das emotionsfreie Wirken in der großen Einheit der Natur träte. Dann begründen die Gesetze, die wir in der Physik und Chemie zu erkennen suchen, das Geschehen, und es wirken die Gesetze des Lebens. Allesamt von wunderbarer Größe und Schönheit! Sie erscheinen dann in ihrer Summe als das Göttliche selbst und unterliegen nicht der Frage nach gut und böse, gerecht und ungerecht, nützlich und schädlich usw. Und sie entspringen nicht von Fall zu Fall einem göttlichen Ratschluß. Vielmehr dürfen wir unter dieser Vorstellung in dem Bewußtsein leben, daß wir ein Teil dieses gotterfüllten Ganzen sind, und somit darin auch geborgen. Freude, Leid und Tod, Recht und Unrecht, Liebe und Bosheit bilden dann eine unlösbare Einheit. Wir müssen das ganzheitliche Zusammenwirken der Naturgesetze anerkennen und hinnehmen, auch wenn es uns ziellos und fühllos erscheinen mag. Diese Einstellung bedeutet – genau besehen – ein vorbehaltloses Ja zum Leben.

Vom Ethos zur Ethik

Diese Überlegung erscheint mir als der entscheidende Punkt, weil die beschriebene  Einstellung eine heroische Lebensauffassung begründet. Sie gründet in der Vorstellung einer Welt ohne persönlichen Gott. Daraus leitet sich eine Sittenordnung der Eigenverantwortung ab mit entsprechenden Folgerungen für den Einzelnen und für die Gemeinschaft. Im Mittelpunkt dieser Lebens-Ethik steht die Blut- und Schicksalsgemeinschaft des Volkes.

Etwas idealisiert ausgedrückt, lebt der Einzelne dann aus der genannten Grundhaltung heraus in einem tiefen Ernst gegenüber dem Schicksal, aber zugleich in einer gelösten inneren Heiterkeit; er steht in Ehrfurcht vor der Natur und lebt in der Verpflichtung auf die Ahnen und die Kommenden, also auf sein Volk.

Eine bemerkenswerte Aufzählung der Grundsätze einer Sittenordnung, die hierzu paßt, enthält „Meyers Lexikon“ von 1937, Bd. 3. Darin heißt es u.a.:

Oberste Richtlinien sind für den einzelnen Ehre, Freiheit, Würde, Geradlinigkeit, Zuverlässigkeit; dazu die Bewährung durch Aufrichtigkeit, Hilfsbereitschaft, Achtung für den Volksgenossen, Erfüllung der Forderungen der Gemeinschaft.

Für die Gemeinschaft gelten als oberste Richtlinien:

Für das Volksleben im Innern: Gemeinsinn, Treue, Gerechtigkeit.

Nach außen hin gelten zurückhaltender Stolz, soldatische Tapferkeit.

Dem Leben gegenüber: geordnetes Zusammenleben der Geschlechter, Hervorbringen einer erbgesunden Nachkommenschaft.

Der Natur gegenüber: Ehrfurcht vor der Fülle des Lebens.

Maßstab der Erfüllung der Aufgaben ist für diese Ethik, daß im eigenen Tun der einzelne schon im kleinsten dem ganzen Volk dient. Solche Grundregeln einer Sittenordnung zählen in unseren Tagen nicht mehr. Zweifelsohne hat das Verblassen dieser Ethik scherwiegende Folgen für den Lebenssinn des Einzelnen und für das Gedeihen des Gemeinwesens.

So, wie es eben skizziert worden ist, muß ein überpersönliches Ethos eine Sittenordnung prägen, die das Volk staatsfähig macht. „Meyers Lexikon“ von 1937 ist zu entnehmen, daß in den 30er Jahren des vergangenen Jahrhunderts noch ein artgemäßes Fühlen als Grundlage der gesellschaftlichen Ethik im deutschen Volk lebendig war. Davon können wir nach 70 Jahren zielstrebiger Zerstörung dieses Fühlens seit 1945 nur träumen. Eine Wiederaufrichtung einer vergleichbaren, unseren heutigen Lebensumständen angepaßten Ethik erscheint aber überlebensnotwendig. Das ist ohne neuerliche Aufrichtung eines lebendigen Ethos nicht möglich. Wir erinnern uns an J.G. Fichte. Angesichts unserer heutigen elenden Verfassung unseres Volkes müssen wir uns wundern, daß Fichte schon in seinen Reden an die Deutsche Nation eine nationale Volkserziehung gefordert hatte. Inzwischen ist seine Forderung als ein hochrangiges politisches Ziel einzuschätzen. Grundsätzlich in diesem Sinn äußerte sich – natürlich auf das Judentum bezogen –die „Allgemeinen Jüdischen Wochenzeitung“. Unter dem 5.9.1996, S. 3, ist dort über die Schulbildung zu lesen: „Das wäre der Leistungsaspekt, der auch bei jüdischen Eltern eine große Rolle spielt. Aber die genannten Qualitäten können nicht allein ausschlaggebend sein für die Anmeldung eines Kindes an einer jüdischen Schule. Denn deren wesentliches Ziel ist es – die schwachen genauso wie die starken bei der Entwicklung einer selbstbewußten jüdischen Identität zu begleiten und zu fördern. . . . Gerade das ist aber auch das Ziel der jüdischen Schulen: Unsere Kinder sollen sich später tatkräftig und selbstbewußt als mündige Bürger in die Gesellschaft einbringen können –  und als selbstbewußte Juden. Das wird ihnen umso besser gelingen, je selbstverständlicher sie ihr eigenes Jüdisch-Sein annehmen und je gefestigter ihre innere Verbindung zu unserer Gemeinschaft ist.“ Hier wird eine Selbstverständlichkeit ausgesprochen, die in der Bundesrepublik verpönt ist. Unter den Völkern ist sie aber allgemein gültig, weil sie die Grundlage ihrer Identität bildet. Es besteht demnach die politische Forderung nach einer Volkserziehung, die alle Lebensbereiche einschließt.

Diese Aufgabe bzw. dieses Ziel hat eine religiöse Dimension. Das bedeutet, daß die Kernfrage einer deutschen Wiedergeburt eine religiöse Erneuerung ist. Das muß als eine alles überragende Verpflichtung erkannt und anerkannt werden. Eigentlich mehr noch: Das Volk muß seine seelische Leere  als einen Leidenszustand zu empfinden lernen. Wir stehen nun vor dem Problem, den Weg zu dieser Einsicht zu finden. Es ist brennend notwendig, es zu lösen. Denn wir leben in einer Zeit der ideellen Leere mit der Folge einer ethiklosen Disziplinlosigkeit. Das führt uns in den Untergang.

Andeutungen über eine Lösung

Die sittliche Wiederaufrichtung muß mit dem artgemäßen Denken und Fühlen beginnen. Diese müssen mit einem religiösen Antrieb, also mit Emotionen aufgeladen werden. Das zu bewirken, ist gewiß der schwierigste Schritt in die Zukunft. Mit abstrakten Forderungen ist das nicht zu erreichen. Es müssen dazu sinnfällige Bilder und Rituale gefunden werden. Solche besitzen wir zweifellos in Gestalt unsere alten Volks-Mythen und auch im Werk unserer Dichter (Hölderlin!). Diese liegen dem Volk jedoch noch zu fern. Vielleicht wird die innere Anteilnahme am eigenen Volksschicksal wieder entfacht, wenn unsere jüngste Geschichte mit ihren Siegen und Leiden an Beispielen persönlicher Taten und Schicksale wieder in unser Bewußtsein hereingeholt wird. Nach sieben Jahrzehnten der Verdrängung könnte das möglich sein.

Dabei wird die Frage auftauchen, woher unsere Eltern und Voreltern die Seelenkraft genommen haben, um so zu handeln zu können wie sie es taten. Es wird sich dann zeigen, daß die Quelle dafür nicht die christliche Lehre war, sondern ein religiöser Seelengrund, der ihnen angeboren war. Dieses Seelenerbe muß ohne Zweifel noch in den heutigen Deutschblütigen ruhen. Die Hinführung unserer Zeitgenossen zu den Leistungen und Leiden unserer Kriegsgeneration könnte zu einer Selbstbesinnung werden und den Weg zu einer neuen Sittlichkeit in unserem Volk öffnen. Diese könnte auf den Mythen der deutschen Geschichtsmächtigkeit als einem erneuerten Ethos ruhen. Selbstgewißheit, Ehrfurcht und Lebensernst unserer Landsleute müßten sich wieder einstellen. Aus der Verinnerlichung unserer Geschichte und Kulturleistungen muß unsere Überzeugung wachsen, daß wir für Europa und die Welt noch wesentliche Aufgaben zu erfüllen haben. Hinter alledem kann die Überzeugung stehen, daß sich im Menschen die Evolution ins Geistige hinein vollzieht, weil sich das Göttliche im Menschengeist am sinnfälligsten verwirklicht. Dann aber kann der Weg zu einem höheren Menschsein in diesem Sinn nicht über das jüdische Ethos des kalkulierten Vorteils führen sondern nur über das deutsche Ethos der ewigen Sehnsucht.

A.Mitterer 14.5.2015

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