Karl Hein: Religion

Die Fragen um Welt- und Lebensanschauung sind recht verworren – nicht aus sich und wegen ihrer natürlichen Schwierigkeit, sondern weil man sie in langen Jahrhunderten erst verworren gemacht hat. Wir sprechen heute vielfach in Worten, deren einstiger und echter Sinn umgebogen und verfälscht ist: wir brauchen sie gedankenlos wie geprägte Münzen und merken gar nicht, daß wir tote dogmatische Formeln mit uns herumschleppen – diese Formeln aber zwingen uns auf Geleise, welche wir gar nicht befahren wollen. Bei einer Erörterung stößt man oft auf solche mißverständliche Formeln, an deren Unklarheit weltanschauliche Gespräche häufig scheitern; und deshalb muß unbedingt an einer klaren und eindeutigen Ausdrucksweise festgehalten werden, ohne Redensarten und Fremdworte – damit jeder sofort verstehen kann, wovon eigentlich die Rede ist.

Da kann gleich mit einem solchen Wort, noch dazu mit einem Fremdwort begonnen werden, um welches und über welches viel gestritten wird. Das ist das Wort „Religion“.

„Religion“ ist ein Fremdwort, welches in Deutschland erst um das Jahr 1600 aufgekommen , also noch recht jung ist; es stammt aus dem Lateinischen, ist aber in seiner eigentlichen Bedeutung nicht mehr zu ermitteln: der römische Redner Cicero leitete es von „immer wieder lesen“ (relegere) ab, während in späterer Zeit der Kirchenschriftsteller Lactantius es von „binden“ (religare) herleiten wollte – beide Ableitungen sind aber sprachlich kaum möglich.

Was dieses Fremdwort also in seiner Heimatsprache bedeutet hat, weiß man nicht eindeutig – und noch viel unklarer ist sein Sinn im heutigen deutschen Gebrauch. Niemand vermag sich unter „Religion“ etwas ganz genau Bestimmtes zu denken – denn die Zahl der abweichenden und gegensätzlichen Begriffsbestimmungen in der Wissenschaft ist unübersehbar, und die Ansichten über das, was „Religion“ oder „religiös“ ist, gehen weit auseinander und gegeneinander.

Versucht man aber, aus der Fülle der wissenschaftlichen Angaben den gemeinsamen Kern herauszuheben, so kann man ihn nur ganz allgemein etwa in den Satz fassen: „Religion ist das Verhältnis des Menschen zu etwas ihm Überlegenen“; ein „religiöses Erlebnis“ aber liegt vor, wenn der Gehalt eines Erlebnisses über den Einzelanlaß hinaus auf etwas Ganzes, Großes weist. Damit ist aber noch gar nichts gesagt über die Art des Überlegenen, welchem der Mensch begegnet oder auf welches Große jenes Erlebnis weist. Und es gibt auf der Ede zahllose Formen von „Religion“, welche das „Überlegene“ ganz gegensätzlich fassen, ja es brauchen nicht einmal „Geister“ oder „Götter“ in einer Religion vorzukommen: es gibt echte Religion auch ohne „Gott“, wie etwa den Buddhismus oder die Lehre des Chinesen Kung-fu-tse. „Der Gott“ gehört also nicht zum Wesen der „Religion“: jede Ehrfurcht vor etwas Erhabenem ist „Religion“, und „religionslos“ im strengen Sinn kann man nur solche Menschen nennen, die überhaupt nichts Großes anerkennen wollen.

Deshalb ist es völlig falsch, wenn gewisse Kreise so tun als sei „Religion“ dasselbe wie „Kirche“, d.h. wie eine zufällige Religionsform. „Religion“ und „Kirche“ haben an sich miteinander gar nichts zu tun, und ein Mensch, der sämtliche Kirchen entschieden ablehnt, ist dennoch „religiös“, wenn er das Bewußtsein von etwas „Überlegenem“ hat, welcher Art dieses auch sein mag. Erst wenn Religion sich in scharf umschriebenen Sätzen, also in einem „Dogma“ oder „Bekenntnis“, zu einer Sache des Verstandes gestaltet, entwickelt sich eine Organisation, welche man im Zusammenhang mit dem Christianismus als „Kirche“ bezeichnet.

Wollte man nun ein wirklich treffendes deutsches Wort für „Religion“ suchen, so müßte erst einmal das Wesen der Religion eindeutig festgestellt sein – aber darüber ist eben keine Klarheit zu gewinnen. Bedeutsam ist auch, daß im germanischen Raum für „Religion“ kein eigenes Wort vorhanden war oder gebildet wurde: althochdeutsch übersetzte man es mit „ehafti“ oder „ehalti“ (Haften oder Halten am Gesetz), mittelhochdeutsch einfach mit „e“ (Gesetz). Der Grund dafür liegt darin, daß im germanischen Raum bei den nordischen Menschen das, was der Christianismus als „Religion“ verkündete, ganz unbekannt war – denn der Christianismus brachte in diesem Wort einen ganz fremden Klang mit: den Klang von „Dogma“ und „Rechtgläubigkeit“. „Die Religion ist die Erkenntnis Gottes und ein dem Willen Gottes entsprechender Lebenswandel“: so verkündet der Christianismus – und dadurch trägt er in den Begriff „Religion“ voreilig Dinge hinein, die erst noch genau zu untersuchen sind; er beschlagnahmt „die Religion“ einfach für sich und unterschlägt, daß es neben ihm noch zahllose andere „Religionen“ gibt. „Religion“ ist eine ganz allgemein-menschliche und selbstverständliche Erscheinung, weil jeder Mensch einmal vor etwas steht, was größer ist als er selbst.

Deshalb ist auch der bekannte Satz töricht: „Dem Volke muß die Religion erhalten bleiben.“ Die Religion? Welche denn? Die Religion gibt es doch nirgends, sondern immer nur eine Religion, nämlich eine der zahllosen Religionsformen, welche man auf der Erde findet. Die Eigenart jeder „Religion“ liegt ja darin, wie sich der Mensch zu dem „Überlegenen“, zum Erhabenen verhält; Religion ist keine „Lehre“, sondern eine Haltung. Welchen Vorzug sollte eine der Religionsformen vor den übrigen haben, außer diesem, daß sie einem Menschen artgemäß ist? Alle Religionen, die über ein Dogma verfügen (es sind nur die drei semitischen: Judentum, Christentum, Islam) bezeichnen sich als „unfehlbar richtig und einzig wahr“ – und daraus ergibt sich, daß keine von ihnen „die wahre“ ist, da keine sich als solche erweisen läßt. Als Erlebnisform ist jede Religion wahr, d.h. echt, wenn sie die Art des erlebenden Menschen, also seiner Rasse entspricht. Und nur, wenn sie so durch und durch artgemäß ist, kann eine Religion als wahr bezeichnet werden. Aber es ist eben die Möglichkeit solcher Erlebnisformen unbegrenzt: die eine Rasse antwortet auf die Welt und das Leben mit kühner Entschlossenheit, die andere mit Angst; die eine will das Leben erkämpfen, die andere erbitten, die dritte ergaunern; die eine erforscht die Gesetze der Welt, die andere wittert überall übernatürliche Mächte, die man beschwören muß.

Man muß auch keineswegs von einer „Entwicklung“ der Religion reden, als habe der Mensch erst an Kräfte, dann an Seelen, dann an Tiere, dann an Geister, schließlich an Götter geglaubt – oder wie man sonst eine solche Entwicklungsreihe von der „primitiven“ bis zur „absoluten“ Religion aufstellen mag. Wir können von „niederer“ oder „höherer“ Religion nur von uns aus sprechen, nicht aber von anderen Menschen aus, denen irgendeine andere Religionsform artgemäß und deshalb angemessen ist – denn in den verschiedenartigsten Religionsformen auf der Erde zeigen sich überall nicht Stufen, sondern Endpunkte der Entwicklung: die „Naturvölker“ sind nämlich ebenso alt, wenn nicht sogar noch älter als die „Kulturvölker“, sie haben also ebensoviel Zeit zur „Entwicklung“ gehabt wie die „Kulturvölker“ – und wenn sie heute nicht auf unserer  Stufe stehen, so ist das eben darin begründet, daß sie dahin gar nicht kommen können, daß sie zur Gestaltung eines einheitlichen Weltbildes nach unserem Bild einfach nicht fähig sind – auch in tausend Jahren werden sie nicht anders „entwickelt“ sein, weil ihnen dazu die biologischen Voraussetzungen fehlen. Deshalb ist es auch ein Unfug, solchen Völkern durch „Mission“ eine „höhere Religion“ bringen zu wollen, wobei das „höher“ noch stark zu bezweifeln ist, weil jedes unvermischte Volk, wenn es unbeeinflußt bleibt, eine seiner Art gemäße Religion findet, so daß für Begriffe wie „höher“ oder „primitiv“ kein Raum ist. Deshalb gibt es auch keine „Einheitsbegriffe“ in der Religion; Worte wie: Gott, Opfer, Furcht, Vertrauen, werden nach Inhalt und Bedeutung überall ganz verschieden gebraucht – und es wäre das verhängnisvollste Mißverständnis, wollte man etwa das Wort „Gott“ bei Negern, Indianern, Mongolen oder Juden nach unseren Vorstellungen deuten. Überall gibt eben die Rasse den Ausschlag und verleiht jene unveränderliche Haltung, aus welcher der Mensch nicht heraus kann.

Der Ausspruch: „Dem Volke muß die Religion erhalten bleiben“, ist folglich unberechtigt und nur im Munde von Priestern verständlich, welche ihre Religion als die „einzig wahre“ ansehen und in Wahrheit meinen: „Das Volk muß unter der Priesterherrschaft gehalten werden.“ Denn der Satz kann richtig nur lauten: „Dem Volke muß seine Religion erhalten bleiben“, d.h. seine arteigene Haltung, in welcher es das Große und Ewige erlebt und dazu Stellung nimmt. Allerdings hat diese Religion nichts mit „Kirchen“ zu tun: wenn auch sämtliche Kirchen mit all ihren Dogmen verschwinden, so schadet das dem Bestand der „Religion“ nicht im geringsten – im Gegenteil: dann erst kann man hoffen, daß das Volk zu seiner „Religion“, zu seinem „religiösen Erlebnis“ kommt.

Denn man weiß doch ganz genau, daß in Deutschland die jetzigen Formen der „Religion“ mit den Kirchen durchaus nicht immer dagewesen sind. Sie sind vielmehr recht jung, sind erst ein paar Jahrhunderte in Deutschland, während das nordische Volkstum Jahrtausende alt ist; sie sind aus der Fremde eingeführt worden, sogar bei einer fremden Rasse entstanden. Warum sollte also ausgerechnet diese fremde Einfuhrreligion „dem Volk erhalten bleiben“ müssen? Oder sollte der germanische Raum vor der Erfindung der Kirchen keine eigene „Religion“ gehabt haben? Und womit wollte man wohl beweisen, daß die Kirchen jüdischer Herkunft besser seien als die arteigene germanische Haltung?

zurück